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Soziale Netzwerke: ein Rückfall in die höfische Gesellschaft?

Zeit-Redakteur sieht Schattenseite von Web 2.0

Soziale Netzwerke wie Facebook und SchülerVZ finden zurzeit großen Zulauf, nicht nur bei der jüngeren Generation. Adam Soboczynski hat jetzt in einem Beitrag für die Wochenzeitung DIE ZEIT (2009/44) eine Schattenseite dieser Netzwerke in den Blick gerückt. Es werde ein bestimmter Menschentypus bevorzugt, ja sogar „erzeugt“, der dem Versailler Höfling ähnlich sei, also gerade einem vorrepublikanischen, eigentlich veralteten Verhaltensmodell.

Die Analogie zwischen Facebook-Nutzern und Höflingen beginnt bei der Überschaubarkeit des versammelten Kreises von „Freunden“. Sie setzt sich fort mit dem Zwang zur Kommunikation. Wer nicht ständig kommuniziert, wird nicht wahrgenommen: Wer schweige, zähle nicht. Vor allem aber verberge sich hinter den Kommunikationsgewohnheiten der sozialen Netzwerke eine „negative Anthropologie“, die aristokratischen Selektionsmechanismen folge: Missliebige Kontaktaufnahmen klicke man kalt weg, wer sich aufdringlich oft zu Wort melde, werde kommentarlos ausgeschaltet. Man bewerte Redebeiträge umgehend, indem man anklickt, ob sie einem gefallen. Dem Sozialen werde damit ein Dezisionismus unterlegt, der Eros und Gewitztheit beflügele – auf Kosten all derjenigen, die bei der höfischen Konversation nicht mithalten können.

Und wer sind nach Soboczynski die neuen Fürsten? Die, die die Spielregeln machen, „jene Betriebe, die erstmals in der Geschichte umfassend das Alltagsverhalten strukturieren“, also beim sozialen Leben zum Beispiel Facebook. Das Netz sei so umfassend reglementiert wie die Libertinage in Versailles durch rigide Etikette.

Diese Analogie ist anregend, aber sie trifft auf ihre Grenzen, wenn sie am Ende des Beitrags auf den Suchalgorithmus bei Google und die Qualitätssicherung bei Wikipedia ausgedehnt wird. Der von diesen Diensten favorisierte „Menschentyp“ ist kein gewitzter Höfling, sondern ein findiger oder gewissenhafter Teilnehmer an der Wissensgesellschaft.

Daniel Chodowiecki: Erziehung eines Prinzen (Kupferstich, Ausschnitt); Quelle: Pictura paedagogica online

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